4. Kapitel
Ellen und die anderen rannten die Stufen hoch. Ein Blitz schlug in das Haus ein. Auf der letzten Stufe angekommen, blieben sie alle stehen und erschraken. Das komplette Dach, einschließlich des Obergeschosses, war zerstört und der Regen fiel nun in das zweite Wohnzimmer. Dachbalken hingen von der Decke und schmorten noch von der zerstörerischen Kraft des Einschlags. Der Wind tobte und weiteres Donnern und Blitzen schmückte den Himmel. „Schnell wieder runter!“, rief Maxis.
In Ellen tobte weiter dieses schlechte Gefühl, als ob jemandem etwas zugestoßen wäre. „Wo ist Darius?“, schrie Ellen. „Der ist sicherlich nur auf der Toilette!“, erwiderte Manu, die Ellen nun die Treppen runter drängte.
Das Wasser lief bereits die Stufen hinab. Am Fuße der Treppe hielten sie inne. „Ich sehe nach Darius!“, rief Michael und rannte den Flur runter. „Wir sollten die Hauseingangstür öffnen, damit das Wasser ablaufen kann!“, rief Alisia und rannte mit Manu zur Tür. Cassandra und Maya griffen Ellen unter den Armen und zerrten sie in das untere Wohnzimmer, wo sie bis eben noch gemeinschaftlich saßen. Maxis verschob die Schränke im Flur so, dass sie einen Flusslauf bildeten und gesellte sich schließlich zu Ellen und den anderen. „Ellen! Bleib ganz ruhig. Es wird alles gut werden!“, redete Maxis auf sie ein. Seitdem sie die Stufen heruntergekommen waren, stand Ellen wieder neben sich. Sie nahm ihre Umgebung wieder, wie durch einen Schleier wahr. Sie war kaum in der Lage selbst zu gehen, geschweige denn zu sprechen.
Alisia und Manu kamen ebenfalls in das Zimmer und kurz darauf Michael. „Was ist mit Darius?“, erkundigte sich Cassandra. „Ich hab ihn überall gesucht, aber nirgends gefunden. Ich vermute, er ist…“, Michael wagte es nicht auszusprechen. „Oh mein Gott!“, rief Maya, die sich um Beherrschung bemühte. Ellen nahm alles auf, doch sie war unfähig zu reagieren.
Sie wusste bereits bei dem Einschlag, dass etwas Schlimmeres als ein kaputtes Haus die Folge war. Woher sie das wusste, konnte sie sich nicht erklären. Doch sie wusste es.
Donner und Blitz wechselten sich gegenseitig ab, lauter, heller, stärker. Der Regen drang in das Haus und floss allmählich auch zu den Studenten. Manu schrie auf und stieg auf das Sofa. Alle anderen suchten sich ebenfalls eine Erhöhung. Michael zog Ellen schließlich auf den Tisch.
Noch ein Donnern, noch ein Blitz. Der Wind tobte nun auch durch das Haus und warf die Möbel im Flur um. Durch die verschlossene Tür sickerte immer mehr Wasser. „Gott steh uns bei!“, stieß es aus Manu heraus.
Plötzlich ebbte der Wind ab. Das Donnern verstummte. Blitze zuckten in immer größeren Abständen. Das Wasser hörte auf durch die Tür zu sickern.
Ganz langsam und allmählich verzog sich das Unwetter. Die Wolkendecke löste sich und nach einigen Augenblicken war der Himmel wieder klarer. Alisia brach nun zusammen und weinte. Auch Cassandra und Maya sackten zusammen. Manu blickte vollkommen fassungslos vor sich in die Leere. Maxis legte seinen Arm auf ihre Schulter und Michael hielt Ellen in den Arm, die wieder zu sich gekommen war. Langsam dämmerte ihr der Ablauf der letzen Stunden und auch sie begann zu Weinen. Aus Trauer um Darius’ Tod, aber auch der Erleichterung wegen, das Unwetter überlebt zu haben.
Beinahe sarkastisch schien die Sonne durch die vom Unwetter zerstörten Rollläden.
Nach einigen Momenten der Trauer und der Erleichterung sammelten sich alle nacheinander wieder und begannen sich im Haus umzuschauen. Ziel war es Darius, ob tot oder lebendig, wieder zu finden. Während sich die fünf Mädchen das Untergeschoss vornahmen, durchkämmten Michael und Maxis, was vom Obergeschoss übrig geblieben ist.
Doch keiner war bei seiner Suche erfolgreich. „Oh Gott, Darius!“, schluchzte Ellen. Michael nahm sie in den Arm. „Ich gebe seiner Familie Bescheid.“ Er zog sein Handy aus der Tasche. „Mist immer noch kein Empfang. Verdammtes Unwetter! Wahrscheinlich sind alle Sendemasten im Arsch!“ Er steckte sein Handy zurück und tröstete Ellen, die jetzt sogar noch mehr schluchzte, weil sie ihre Eltern nicht anrufen konnte.
„Unglaublich…“, stieß Manu aus ihrer Askese hervor. „Das ist doch alles unglaub…“ Plötzlich polterte es. „Das kommt von oben.“, stellte Cassandra fest. „Darius!“, Ellen riss sich von Michael los und stürmte zur Tür. „Ellen! Warte!“, rief Alisia ihr nach. Doch vergebens Ellen war schon durch die Tür verschwunden. „Verdammt! Ich denke, ihr habt alles durchgesucht!?“, fauchte Alisia die beiden Jungs an. „Haben wir auch!“, meldete sich Maxis zu Wort, „Es war nichts und niemand dort oben, außer Schutt und Asche!“. Michael nickte zustimmend. Doch dann riss er plötzlich seine Augen auf und stürmte los. Maya stellte sich ihm in den Weg „Was ist los, Michael?“. „Geh weg“, er schob Maya bei Seite. Im Türrahmen hielt er kurz inne: „Macht schon! Kommt! Wenn Darius noch da oben ist, dann sieht er sicherlich alles andere als gut aus. Und noch einen Zusammenbruch verkraftet Ellen nicht. Also los!“ Alle folgten schlagartig Michael. Nur Cassandra kam zögernd nach: „ Wenn die Jungs recht behalten und Darius nicht dort oben war, dann frage ich mich, was da noch poltern könnte“, murmelte sie und folgte schließlich dem Trupp nach oben.
Ellen kam oben an und sah sich um. „Darius?“, rief Ellen und hielt Ausschau nach Lebenszeichen.
Da raschelte es.
Und da polterte es. „Darius? Wo bist du?“, erkundigte sich Ellen und schritt durch das verwüstete Obergeschoss. Auf den Stufen ertönten Tritte und bald darauf standen alle im Obergeschoss und riefen im Chor: „Ellen!“. Sie drehte sich um: „Ich hab was gehört, hier ganz in der Nähe. Ich glaube, Darius steckt unter einem dieser Balken. Helft mir mal!“, damit packte Ellen an einem der großen Balken und begann zu ziehen und zu drücken. Michael und Maxis stürmten beide vor und schoben Ellen bei Seite: „Lass uns das machen, okay?“ und damit drückten sie gegen den Balken. Doch es passierte nichts. Er rührte sich keinen Millimeter. Selbst als Ellen, Manu, Maya und Alisia mit halfen, rührte sich nichts. „Cassandra wäre es zuviel verlangt uns zu helfen?“, herrschte Manu sie an. Doch Cassandra regte sich nicht, sondern erwähnte nur kühn: „Glaubt ihr ernsthaft, dass Darius hier verschüttet ist? Und wenn ihr das glaubt, wie sollte ein verletzter junger Kerl einen Balken bewegen, den sechs Menschen nicht einmal einen Millimeter bewegen können? Schon mal drüber nachgedacht?“
Auf einmal drückte der Balken nach oben und alle sechs schraken zurück. „Was immer da drunter ist, es ist nicht Darius. Und wenn ihr mich fragt, dann will ich gar nicht wissen, was da drunter ist! Kommt weg da!“, rief Cassandra und winkte alle zu sich.
Der Balken bewegte sich tatsächlich. Alle standen nun am Absatz der Treppe und starrten auf den sich bewegenden Balken. Ein Knarren und Ächzen durchzog sich durch die Dielen und der Balken bewegte sich mit jedem Schub ein Stückchen weiter. Langsam kam eine Hand zum Vorschein.
Doch diese Hand gehört nicht zu Darius. Sie war nicht menschlich und hatte nur vier Finger, an deren Ende sich spitze Krallen befanden. Sie war dünn, aber kraftvoll genug den schweren Balken zu bewegen. „Was ist das?“, rief Maya, die sich immer weiter zurück drängte. „Keine Ahnung, aber ich will es auch nicht herausfinden“, antwortete Maxis, „lasst uns hier verschwinden. Alle raus hier!“ Ohne auch nur ansatzweise zu Zögern folgten alle dem Befehl und rannten die Treppe runter. Ein lauter Knall ertönte und Gerümpel wurde hörbar oben bei Seite geschafft. „Oh Kacke, weg hier!“, rief Michael und rannte zur Haustür, die immer noch offen stand. Alle folgten ihm und sie standen im Nu auf der Straße vor Manu’s Haus und blickten zum Dach. „Da bewegt sich was!“. Auf dem zerstörten Dach krachte und knarrte es. Dann ein markerschütternder Schrei. „Lasst uns fliehen!“, schrie Maya, „Los kommt! Weg hier! Das ist nicht menschlich!“, und rannte los.